Kein Anspruch auf Elektro-Rollstuhl bei ausreichender Selbstständigkeit

Das Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen hat am 26.06.2010 unter dem Aktenzeichen L 16 KR 45/09 ein interessantes Urteil gesprochen, mit dem einem Versicherten ein beantragter Elektro-Rollstuhl abgelehnt wurde. Interessant ist das Urteil deshalb, weil erstmals durch ein deutsches Sozialgericht das nähere räumliche Umfeld eines Versicherten konkret beschrieben wurde.

Anspruch auf Hilfsmittel

Ein Versicherter der Gesetzlichen Krankenversicherung hat dann einen Anspruch auf ein Hilfsmittel, wenn dies zur Befriedigung von Grundbedürfnissen dient. Es muss im Einzelfall erforderlich sein, eine Behinderung auszugleichen, einer drohenden Behinderung vorzubeugen oder den Erfolg einer Krankenbehandlung zu sichern. Gegenstände des täglichen Lebens fallen nicht in die Leistungspflicht der Krankenkassen. Die Rechtsgrundlage, die die Krankenkassen zur Leistung von Hilfsmitteln verpflichtet, ist § 33 Fünftes Buch Sozialgesetzbuch (SGB V).

Da es eine Vielzahl an möglichen Hilfsmitteln gibt, welche von der Krankenkasse übernommen werden können, wurde ein Hilfsmittelverzeichnis geschaffen. Dieses Hilfsmittelverzeichnis stellt zwar eine gute Übersicht dar, kann allerdings nur einen Empfehlungscharakter haben. Das bedeutet, dass ein im Hilfsmittelkatalog ausgeschlossenes Hilfsmittel nicht immer von der Krankenkasse auch abgelehnt werden kann.

Aufgabe der Gesetzlichen Krankenversicherung ist es, einem Versicherten durch die Gewährung eines Hilfsmittels einen Basisausgleich zu bieten, durch den der Betroffene einen körperlichen Freiraum erschließen kann. Von dem Freiraum wird auf jeden Fall die Wohnung, aber auch das nähere räumliche Umfeld erfasst. Es soll möglich sein, dass Alltagsgeschäfte erledigt werden können. Zu den Alltagsgeschäften gehören zum Beispiel das Einkaufen, der Besuch von Ärzten und Apotheken und das Erledigen von Bank- und Postgeschäften.

Speedy-Bike abgelehnt

In dem Klagefall, über den das Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen entscheiden musste, wurde einem Versicherten die Kostenübernahme für ein Speedy-Bike abgelehnt. Auch das anschließend durchgeführte Sozialgerichtsverfahren vor dem Sozialgericht Düsseldorf blieb ohne Erfolg. Als Begründung für die Nicht-Gewährung des beantragten Speedy-Bikes wurde angeführt, dass der Basisausgleich auch mit einem gewöhnlichen Rollstuhl, welcher meist auch als Greif- oder Aktivrollstühle bezeichnet wird, erfolgen kann. Erst wenn mit einem gewöhnlichen Rollstuhl der Nahbereich des Versicherten nicht mehr erreicht werden kann, kommt eine Versorgung mit einem besser ausgestatteten Rollstuhl in Frage. Zu den besser ausgestatteten Rollstühlen zählen Elektrorollstühle oder Rollstühle mit einer mechanischen Zugvorrichtung.

Nahbereich gesetzlich nicht definiert

Die Schwierigkeit für das Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen, über den Klagefall zu entscheiden, ergab sich deshalb, weil der Nahbereich des Versicherten gesetzlich nicht definiert ist. Zudem hat bisher die Sozialgerichtsbarkeit hierzu noch keine konkreten Werte festgelegt, welche Strecken als durchschnittlich zur Erledigung der Alltagsgeschäfte anzusehen sind. Dies ist alleine aufgrund der unterschiedlichen Wohnumfeldverhältnisse nicht festzustellen.

Die Richter des Landessozialgerichtes lehnten sich in ihrer Urteilsbegründung an die Rechtsprechung an, welche im Bereich der Gesetzlichen Rentenversicherung den Nahbereich eines Versicherten definiert. In der Gesetzlichen Rentenversicherung gelten Wegstrecken bis zu 500 Metern noch zum Nahbereich eines Versicherten.

Da der Kläger mit seinem vorhandenen, gewöhnlichen Rollstuhl sich über einen Radius von 500 Metern seiner Wohnung hinaus bewegen kann, wurde auch seitens des Landessozialgerichts der Antrag des Klägers abgelehnt.

Da der Fall eine grundsätzliche Bedeutung hat, wurde die Revision zum Bundessozialgericht – zum höchsten Sozialgericht Deutschlands – zugelassen. Das Urteil des Landessozialgerichts ist noch nicht rechtskräftig. Gegebenenfalls wird sich in diesem Fall auch das Bundessozialgericht mit dem Nahbereich eines Versicherten im Sinne der Hilfsmittelversorgung befassen müssen und hierzu eine entsprechende Rechtssicherheit herbeiführen.

Rentenrecht

Im Recht der Gesetzlichen Rentenversicherung gilt als Nahbereich eines Versicherten ein Radius von 500 Metern von seinem häuslichen Bereich. So hat die Rechtsprechung beispielsweise einen Anspruch auf eine Erwerbsminderungsrente dann bejaht, wenn ein Versicherter nicht mehr in der Lage ist, vier Mal täglich eine Strecke von je 500 Metern innerhalb von je 20 Minuten zu gehen. In diesem Fall gilt ein Arbeitsplatz als nicht erreichbar mit der grundsätzlichen Konsequenz, dass eine Rente wegen voller Erwerbsminderung zu gewähren ist. Allerdings gibt es diesbezüglich Ausnahmen; beispielsweise dann, wenn der Rentenversicherungsträger die Kosten für die Fahrten zu einem Arbeitgeber übernimmt und damit der Arbeitsplatz erreicht werden kann – s. hierzu auch: Keine Erwerbsminderungsrente bei Fahrkostenübernahme.

Autor: Helmut Göpfert, Rentenberater

Weitere Artikel zum Thema:

Weitere Artikel

Rentenberatung

Rentenbeginn

Beginn von Renten der Gesetzlichen Rentenversicherung Besteht ein Anspruch auf eine Rente der Gesetzlichen Rentenversicherung, muss seitens des Rentenversicherungsträgers geprüft...

Rentenberatung

weiterlesen

Arbeitsmarktrente

Arbeitsmarktrente, die besondere volle Erwerbsminderungsrente Die Arbeitsmarktrente ist eine besondere Rente, welche von der Gesetzlichen Rentenversicherung im Falle einer Erwerbsminderung...

Rentenberatung

weiterlesen

Reisekosten (GRV)

Fahrkosten/Transportkosten von der Gesetzlichen Rentenversicherung Nimmt ein Versicherter zu Lasten der Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) eine medizinische Rehabilitationsbehandlung oder eine Leistung...

Rentenberatung

weiterlesen
100%
-
+
1
Show options

Rentenberater

Registrierte Rentenberater

Registrierte Rentenberater sind für ihre Kunden da Vor mehr als einem halben Jahrhundert hat sich der Berufsstand des Rentenberaters gegründet...

Rentenberater

weiterlesen

Berufsstand und Tätigkeitsprofil eines Rentenberater

Der Berufsstand des Rentenberaters Der Berufsstand des Rentenberaters etablierte sich in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts und somit erst...

Rentenberater

weiterlesen

Der Rentenberater

Der Rentenberater Rentenberater sind seit ungefähr 50 Jahren ein wichtiger Bestandteil der Rechtspflege. Das Amts- bzw. Landgericht prüft vor Zulassung...

Rentenberater

weiterlesen
100%
-
+
1
Show options

Rentenversicherung

Seniorenstudium keine Anrechnungszeit

Seniorenstudium wird nicht als rentenrechtliche Anrechnungszeit gewertet Bei der Berechnung einer Rente werden in erster Linie die Beitragszeiten gewertet. Das...

Rentenversicherung

weiterlesen

Jahresmeldungen 2011 prüfen

Jahresmeldung für Rentenkonto wichtig! Spätestens bis zum 30.04.2012 müssen die Arbeitgeber die Jahresmeldung für das Jahr 2011 abgeben. Die Meldung...

Rentenversicherung

weiterlesen

Handwerker-Pflichtversicherung soll abgeschafft werden

Bald keine Rentenversicherungspflicht selbstständiger Handwerker mehr Selbstständige Handwerker sind nach der aktuellen Gesetzeslage in der Gesetzlichen Rentenversicherung pflichtversichert. Konkret bedeutet...

Rentenversicherung

weiterlesen

Rentenerhöhung 2012

Kräftige Rentenerhöhung zum 01.07.2012 Die mehr als 20 Millionen Rentenbezieher dürfen sich auf eine kräftige Rentenerhöhung zum 01.07.2012 freuen. Die...

Rentenversicherung

weiterlesen

Rentenreformpaket weitestgehend geklärt

Rentenkonzept offenbar weitestgehend fertig Das Rentenreformpaket, mit dem CDU-Bundessozialministerin Ursula von der Leyen einige grundlegende Änderungen bei den gesetzlichen Renten...

Rentenversicherung

weiterlesen

Krankenversicherung

Freiwilliger Wehrdienst und die Sozialversicherung

Sozialversicherungsrechtliche Auswirkung des freiwilligen Wehrdienstes Zum 01.07.2011 wurde der Bundesfreiwilligendienst eingeführt. Zeitgleich wurde die bis dahin bestehende Wehrpflicht ausgesetzt. Der...

Krankenversicherung

weiterlesen

Fettabsaugung nicht auf Kassenkosten

Liposuktion darf Krankenkasse nicht übernehmen Bei einer Fettabsaugung, einer sogenannten Liposuktion, handelt es sich um eine neue Untersuchungs- und Behandlungsmethode....

Krankenversicherung

weiterlesen

Nationaler Krebsplan macht Fortschritte

Bekämpfung der Krankheit Krebs Mit über 218.000 Todesfällen pro Jahr ist Krebs die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Jahr für Jahr...

Krankenversicherung

weiterlesen

Arbeitsunfähig auch bei Besuch des Fitnessstudios

Landesarbeitsgericht Köln vom 02.11.2011, S 9 SA 1581/10 Arbeitnehmer haben im Falle einer Arbeitsunfähigkeit gegenüber dem Arbeitgeber einen Entgeltfortzahlungsanspruch für...

Krankenversicherung

weiterlesen

Neue ärztliche Notdienstnummer 116117

Ärztlicher Bereitschaftsdienst hat ab 16.04.2012 neue Telefonnummer Mit einer neuen und bundesweit einheitlichen Telefonnummer ist ab dem 16.04.2012 der ärztliche...

Krankenversicherung

weiterlesen

Pflegeversicherung

Eckpunkte Pflegereform 2013

Geplante Verbesserungen Pflegeleistungen 2013 Bereits im November 2011 wurde beschlossen, dass der Beitragssatz zur Sozialen Pflegeversicherung für die Zeit ab...

Pflegeversicherung

weiterlesen

Altersgerechtes Wohnen, Umbaumaßnahmen finanzieren

Als Senior kommt garantiert irgendwann jeder an den Punkt, an dem man seine Wohnung oder sein Haus nicht mehr wie...

Pflegeversicherung

weiterlesen

Beitragssatz Pflegeversicherung 2012

News image

Beitragssatz Soziale Pflegeversicherung bleibt 2012 stabil Bereits seit dem 01.07.2008 liegt der Beitragssatz in der Sozialen Pflegeversicherung bei 1,95 Prozentpunkten....

Pflegeversicherung

weiterlesen

Familienpflegezeit

Flexible Arbeitszeit nach dem Familienpflegezeitgesetz ab 2012 Schon seit Juli 2008 haben Beschäftigte die Möglichkeit, sich für die Pflege von...

Pflegeversicherung

weiterlesen

Rentenversicherungspflicht Pflegepersonen 2012

Beitragszahlungen erhöhen sich nur in alten Bundesländern Pflegepersonen, die einen Pflegebedürftigen nicht erwerbsmäßig pflegen, können in der Gesetzlichen Rentenversicherung versicherungspflichtig...

Pflegeversicherung

weiterlesen

Unfallversicherung

Entfernung gefährdender Gegenstand von Autobahn ist unfallversichert

Bundessozialgericht vom 27.03.2012, Az. B 2 U 7/11 R Unter dem gesetzlichen Unfallversicherungsschutz stehen nicht nur Arbeitnehmer während ihrer beruflichen...

Unfallversicherung

weiterlesen

Beinahe-Unfall kann Arbeitsunfall sein

Beinahe-Unfall kann grundsätzlich gesetzlicher Arbeitsunfall sein In seinen Urteilen vom 29.11.2011 (Az. B 2 U 10/11 R und B 2...

Unfallversicherung

weiterlesen

Pause war ohne gesetzlichen Unfallversicherungsschutz

Urteil Bayerisches Landessozialgericht vom 25.10.2011, Az. L 3 U 52/11 Mit Urteil vom 25.10.2011 entschied das Bayerische Landessozialgericht über die...

Unfallversicherung

weiterlesen

Mord ist kein Arbeitsunfall

Landessozialgericht verneint Anspruch auf Witwenrente Wird jemand bei einer betriebsbedingten Autofahrt ermordet und steht der Tod nicht im Zusammenhang mit...

Unfallversicherung

weiterlesen

Kein UV-Schutz für geringfügige Hilfeleistungen

Urteil Hessisches Landessozialgericht vom 28.06.2011, Az. L 3 U 134/09 Beschäftigte sind während ihrer beruflichen Tätigkeit gesetzlich unfallversichert. Ereignet sich...

Unfallversicherung

weiterlesen